Geschichte

1927 Prestigefrage: Hüttenbau

Bereits kurz nach der Gründung der Sektion „Potsdam“ im Jahr 1907 wird von den Gründern der Bau einer Schutzhütte in den Alpen angeregt. Der „Hüttengedanke“ entspricht also ganz dem Zeitgeist im frühen 20. Jahrhundert und gilt als Prestigefrage. Im Jahr 1927 wird beim Hauptausschuss des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins die Überweisung eines Arbeitsgebietes beantragt. Nachdem mehrere Arbeitsgebiete vorgeschlagen werden, kommt für Carl Gottwald nur eines in Betracht: das Fotscher Tal.


1928–31 Potsdamer Hütte wird gebaut

Im Februar 1928 gibt die Almgenossenschaft Axams nach anfänglichem Mißtrauen ihr Einverständnis zum Bau der Hütte und auch die Bundesforstverwaltung ist damit einverstanden, einen Bauplatz pachtweise zu überlassen. Am 07. 06 .1931 wird durch den Pfarrer Peer aus Sellrain der erste Spatenstich getätigt. Beginn der Bauarbeiten ist am 10. 06. 1931 durch den Bauunternehmer Baumeister Josef Senn aus Innsbruck. Im Dezember 1931 bezieht das Hüttenpächter Ehepaar Hanns und Kathi Zöttl aus Kufstein die noch nicht ganz fertige Hütte.


1932 Hütteneinweihung

Am 24. 07. 1932 wird die Hütte mit einer feierlichen Bergmesse eingeweiht, die von der Kapelle aus Sellrain musikalisch begleitet wird. Pfarrer Peer findet in seiner wundervollen Ansprache tief zu Herzen gehende Worte. Da werden manch hartem und zähen Bergsteiger die Augen feucht. Er wünscht, dass die Hütte „ein Hort der Einigkeit und des Friedens werden soll.“


1933–45 Schicksaljahre und Kriegsurlaub

Durch die Einführung der Reisesperre „Tausend-Mark-Sperre“ am 27. 05. 1933 sinkt die Zahl der reichsdeutschen Besucher. Die Verwaltung der Hütte von Potsdam aus wird wesentlich erschwert. Im Jahr 1936 stirbt Architekt und Motor zum Bau der Potsdamer Hütte Carl Gottwald. Neuer Vorsitzender ist bis 1945 Herr Dr. Ludwig Disqué. Hanns Zöttl, den seine „Kenntnisse in der Bergbezwingung“ für den Gebirgskrieg bestimmten, verunglückt im Jahr 1942 im Kaukasus auf einer Erkundungstour. Seine Frau Kathi tritt mutig an die Stelle des beliebten Hüttenwirts und leitet fortan die Potsdamer Hütte und den Gasthof „Neuwirt“ in Sellrain.


1946–56 Europäisches Politikum: Hüttenrückgabe

Nach Kriegsende wird der DAV verboten und kann erst im Jahr 1950 wieder gegründet werden. Der gesamte Hüttenbesitz des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins (OeAV) wird nach Beschlagnahmung durch die Alliierten dem österreichischen Staat verkauft. Dieser überträgt die vorübergehende Pflege und Unterhaltung der Hütten dem OeAV. Bis 1954 steht auch die Potsdamer Hütte unter dessen Verwaltung.

In dieser Zeitspanne leidet die Hütte sehr. Aufgrund der Beschlüsse der Besatzungsmächte kann die Hütte nicht ordentlich bewirtschaftet und unterhalten werden. Der ständige Pächterwechsel tut das Übrige dazu.

Alpenvereinssektionen sind in der DDR verboten und werden aufgelöst, das Vermögen wird eingezogen. Ab 1950 werden im Westen erste „Exilsektionen“ gegründet. Die Kriegswirren haben Erich Fromm, das einzige noch lebende Vorstandsmitglied der Ursprungssektion, nach Dinkelsbsühl verschlagen. Er reist im Jahr 1952 mit dem Zug und einer Aufenthaltsgenehmigung von 72 Stunden nach Tirol. Dort findet er die Hütte in einem sehr schlimmen Zustand vor. Dies war der Anstoß zur Neugründung der Sektion Potsdam in Dinkelsbühl.

Mit der Eintragung 1955 ins Vereinsregister beim Amtsgericht Dinkelsbühl als „Sektion Potsdam des DAV in Dinkelsbühl e. V.“ (Neugründung im Exil) sind nach intensiven Bemühungen die Voraussetzungen für die Rückgabe der Potsdamer Hütte an die Sektion erfüllt. Im Jahr 1954 wird zwischen dem DAV und dem österreichischen Treuhänder der „Bestandsvertrag“ (Hüttenrückgabe) beschlossen. Dieser Vertrag wird erst am 01. 01. 1956 wirksam. Die Potsdamer Hütte ist eine der letzten ostdeutschen Alpenvereinshütten in Österreich, die an eine Exilsektion zur Nutzung und Verwaltung übergeben wurde. Hüttenwart ist Herr Dr.-Ing. Werner Kennes.


1957–64 Massentourismus und Mauerbau

Das starke Wirtschaftswachstum und das Klischee von der „Einsamkeit auf Bergeshöhen“ kurbelt den Massentourimus an. Die Potsdamer Hütte profitiert noch nicht von dem wirtschaftlichen Aufschwung dieser Zeit. Wieder sind es Schicksalsschläge, die erbarmungslos zuschlagen. Durch den Tod des Hüttenwartes Dr. Ing. Werner Kennes fällt die Verwaltung der Hütte an die Sektion Neuland in München. Die eigene Sektion ist aufgrund der geringen Mitgliederzahl und ohne Hüttenwart nicht in der Lage, die Hütte zu betreuen.

Am 11.08.1957 findet eine Wiedersehensfeier auf der Potsdamer Hütte statt. In diesem Jahr steht das 25-jährige Hüttenjubiläum sowie das 50-jährige Bestehen der Sektion Potsdam an. Richtig gefeiert soll nicht werden, da sich die Hütte noch immer nicht im Eigentum der Sektion befindet. Es ist das erste Mal, dass einige Dinkelsbühler Mitglieder oben sind.

Am 01.05.1961 pachten die Hüttenwirtsleute Engelbert und Irmgard Hundertpfund aus Kematen die Potsdamer Hütte. Dies erweist sich als Glücksfall für die Sektion. Damit beginnt eine langfristige und dauerhafte Partnerschaft.

Im Jahr 1964 erfolgt die so lange ersehnte Rückgabe der Hüttenverwaltung an die Sektion Potsdam. Hüttenwarte sind Herr Dipl.-Ing. Rudolf Schneider aus München und sein Stellvertreter Herr Dipl.-Ing. Stadtoberbaurat Ludwig Loewe aus Köln.


1965–82 Die Ära Hundertpfund

Nach Rückgabe der Hüttenverwaltung an die Sektion und nach durchgreifender Änderung des Umbauplanes kann nun mit den Arbeiten an Hütte und Wegen begonnen werden. Ein Aufschwung beginnt. Es folgen Jahre selbstloser Einsätze vieler Mitglieder und es zeigt sich, wozu begeisterte Bergkameradinnen und Bergkameraden mit Beharrlichkeit und wilder Hingabe fähig sind: ein wahrhaft schönes Schmuckstück in den Alpen zu bauen und zu erhalten.


1983–98 Herr im eigenen Haus

Durch die Teilung Deutschlands ist es den in Potsdam lebenden Bergsteigern über 40 Jahre lang verwehrt ihr ursprüngliches Arbeitsgebiet und alpines Domizil zu besuchen. Trotz zwangsmäßiger Sektionsauflösung, Mauerbau und ungeklärter Eigentumsverhältnisse (Hüttenbesitz) lebt der Name „Potsdam“ dank engagierter Exil-Potsdamer und motivierter Bergfreunde aus Dinkelsbühl im alpinen Stützpunkt auf 2020 Metern Höhe weiter.

Nach jahrelangen Verhandlungen mit dem österreichischen Staat gelingt es nun dem 1. Vorsitzenden der Sektion Potsdam-Dinkelsbühl, Herrn Dipl.-Ing. Jens Mayer-Eming, im Frühsommer 1989 ein ca. 4000 Quadratmeter großes Hüttengrundstück aus einer Almgrundparzelle heraus zu erwerben und damit das Eigentumsrecht an der Potsdamer Hütte endlich zu besiegeln.

Dies ist insofern ein großer Erfolg, weil 1992 der Pachtvertrag für die Hütte ausgelaufen wäre und eine Pachtverlängerung aufgrund von Widerständen aus der Alminteressenschaft eher unwahrscheinlich war. Keiner konnte ahnen, dass nur wenige Monate später die Mauer fällt.


1999–2011 „A junge Fraa und a alt’s Haus – do gedd d’Ärbadd nie aus!“

Dass aus der Potsdamer Hütte weder eine Bruchbude noch ein Hotel wird, aber ein gewisser Standard an Komfort gehalten werden muss, diese Absicht steht wohl ganz im Zeichen in diesen Jahren. Die Hütte wird in dieser Zeit weitreichend saniert. Nach einem verheerenden Sturmschaden am Dach weichen die undicht gewordenen Dachschindeln kunststoffbeschichteten Aluminiumziegeln, die teilweise mit Solarzellen bestückt sind. Mit der Dachanhebung wird eine Qualitätsverbesserung der Schlafräume durch Wärmedämmung und Dachdichtung erreicht.
Die Überlegung, umweltfreundlichen Strom für die Hütte zu generieren, könnte durch den Fotscherbach und den Bau eines kleinen Wasserkraftwerks Wirklichkeit werden. Dieser lang gehegte Plan scheitert bislang an behördlichen Auflagen.


ab 2012

Die freundschaftlichen Bande und ein reger Austausch zwischen der neugegründeten Sektion Potsdam (1991) und der Sektion Dinkelsbühl (Namensänderung 2003) zeigen, dass das Gefühl der einstigen Teilung sich endgültig gelegt zu haben scheint. Seit einigen Jahren schon wird gemeinsam gewandert, geklettert und gelacht – entweder im Elbsandsteingebirge oder auf der Potsdamer Hütte.